Hohe Oldiepreise als Wertschätzung an das coolste Auto.

image 1. Februar 2022, 08:16
Macht sich gut im Oldieshowroom: 2CV Carleston für rund 17 000 Franken.
Macht sich gut im Oldieshowroom: 2CV Carleston für rund 17 000 Franken.
Der letzte Neupreis eines 2CV 6 mit 29 PS lag 1987 bei Fr. 9220.-. Der Graue im Showroom eines Oldiehändlers riecht nach neu, leicht süsslich, aber unverbraucht, ein Zustand, der ihm nicht besonders steht. Blitzsauber verarbeitet war das Basis-Transportmittel nie, im Umfeld der Lenksäule hängen diverse Kabel wie Spagetti an der Gabel. Dafür ist er leicht zu reinigen, mit Schwamm und Bürste kommt man überall hin.
Schon immer sind sie zögerlich angesprungen, den langen Ansaugrohren sei`s verziehen. Dies steigert nur die Freude auf das was folgt: Tritt der Zweizylinder in Aktion, schüttelt sich die Kiste wie ein nasser Hund. Ziehen den Schalthebelgriff nach hinten, der Erste rastet widerstandslos ein und die vier mkp Drehmoment bringen die 560 kg leichte Fuhre in Fahrt. Flutscht durch Drücken und drehen nach vorn der zweite Gang rein, kommt beim Auskuppeln sogar ein Gefühl von Vorwärtsdrang auf, aufbäumend und wie aus einem Kanönchen geschossen, stürmt die Zitrone der 50 km/h-Marke entgegen, wo man den Revolvergriff erneut gerne zur Hand nimmt, um ihn in die dritte Stufe zu rasten.
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Der Schalthebel kann auch Handtaschen aufnehmen, ebenso locker die Verkabelung.
Beschleunigungsfeeling
Im Zeitalter restriktiver Limiten ist es ein Erlebnis, das Beschleunigungsfeeling bis zur Neige auszukosten zu dürfen. Im 2CV ist es möglich. Im 4. Gang schwingt er sich in der letzten Ausbaustufe zu 115 km/h auf, man darf dem Drang also bis zur Spitze nachgeben.
Es ist ratsam, Autobahnen zu meiden. Sie wurden nach der Erfindung der Ente erstellt und das merkt man; es wird fad und nervös, auch wenn die Ente, bergab jedenfalls, tempomässig in Ordnungsbussen-Regionen vorstossen kann. Dabei fühlt sich der hochdrehende Boxer-Twin pudelwohl und dreht so rund, als hätte er mindestens ein halbes Dutzend Zylinder.
Die Lüftungsanlage besticht durch Effizienz ebenso wie durch die Einfachheit der Konstruktion: öffnet man die Klappe, bläst Wind herein, direkt, ohne Umwege. Wenn das Rolldach zurückgeschlagen ist, kommt noch mehr Freude auf, die sich weder mit elektrischen Fensterhebern noch mit einer Air Kondition aufwiegen lässt. Von der Federung sind keine Tiefschläge zu erwarten.
Dem bescheidenen Leistungspotential kommt das Fahrwerk wunderbar entgegen. Man kann den Schwung ausnützen, ohne Ungemach befürchten zu müssen. Die sagenumwobene Kippunfähigkeit hat der 125x15 bereifte Franzose ebenso ins Zeitalter der Breitreifen retten können, wie die gute Traktion. So verdankt der 2 CV dem eindeutigen Höhen/Breitenverhältnis der Pneus im Verbund mit dem harmlosen Kraftexploit famose Wintereigenschaften, verlangt keine Ketten oder Allradantrieb.
Frauenfreund
Es existierten schon immer leichtgängigere Lenkungen. Umso mehr verdienen die zahlreichen 2CV-Fahrerinnen Respekt. Andere Detaillösungen stellen den Spartaner in ein frauenfreundliches Licht. Die erwähnte Schaltung eignet sich zum Anhängen von Handtaschen. Offene Dachrohre erleichtern die Montage farbenfroher Vorhänge, die glattflächige Karosserie ist aufnahmefähig für Klebebotschaften aller Art. Das Fehlen einer Abdeckung auf dem Kofferboden zeugt von Weitsichtigkeit, denn so kommen Damen beim Aufspüren des Reserverades (kein Notrad), seltener in Verlegenheit. Wenn es sein muss, transportiert der Wagen dank Rolldach zimmerhohe Pflanzen, und Skis lassen sich unter der Sitzbank durchschieben. Oder man entfernt diese, und mutiert den Döschwo zum Transporter.
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Frei liegendes Reserverad, von hinten lassen sich Skis durchschieben. Ein Norev-Miniaturmodell aus Anlass 50 Jahre 2CV.
Fortschritte
Spurlos ist der Fortschritt am 2CV nicht vorübergezogen. Die schlimmste Neuerung, die viereckigen Leuchten nämlich, hat man wieder rückgängig gemacht. Aber die geradezu gestylten Druckschalter für Warnblinker und Wischer wollen nicht so recht zur ansonsten urwüchsigen Art passen. 1981 bekam die Ente sogar Scheibenbremsen.
In den engen Gassen beschaulicher Dörfer, zwischen kläffenden Hunden, zwitschernder Vögel und schimpfenden Frauen, prägte der kleine Boxer die Geräuschkulisse im Hexagon. Die schnatternde Ente hat Frankreich ebenso geprägt wie der klirrende Käfer-Vierzylinder (ebenfalls ein Boxer!) die Bundesrepublik. Sie hat sich nicht im gleichen Masse vermehrt – Frankreich kennt keinen TÜV – hat aber der Grande Nation ihren unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Das Savoir-vivre verkörpert sie perfekt, auch wenn das Vehikel fernab jeder Perfektion zusammengebaut ist. Das ist Liebhabern die krassen Oldiepreise wert.
2019 wurde bei Bonhams ein 2 CV Charleston in Weiss-Grün für 31 300 Franken ersteigert; da ist der graue 86er aus Oberweningen für knapp Fr. 17 000.- geradezu ein Schnäppchen.
Klassik 2 CV 1169 z
wäre toll, wenn das Online auch noch Platz hätte.
2 CV Modell-Entwicklung
1948 Premiere auf dem Pariser Autosalon mit 375 ccm und 9 PS.
1951 Der Lieferwagen Fourgonette kommt dazu.
1954 Der 2CV wird zum AZ, die Fourgonette zum AZU mit 425 ccm und 12 PS.
1957 Exportversion AZPL mit drittem Seitenfenster, Blech-Kofferraumdeckel, Gürtelreifen.
1958 Sahara-Ente mit Motoren vorne und hinten.
1961 Die Motorleistung steigt auf 13,5 PS.
1962 Statt über die Tachowelle wird der Scheibenwischer mit einem Elektromotor angetrieben. Der Tachometer wird in eine Instrumententafel integriert.
1964 Die Türen sind jetzt vorne angeschlagen.
1965 Hydraulische Stossdämpfer.
1966 Die Ente kommt mit 597 ccm und 21 PS.
1970 Zwei neue Varianten: 2CV 4 mit 435 ccm und 2 CV 6 mit 602 ccm. Statt der durchgehenden Sitzbank gibt es einen verstellbaren Fahrersitz.
1972 Dreipunkt-Sicherheitsgurte.
1973 12-Volt-Bordnetz. Armaturenbrett und Innenausstattung geändert.
1974 Neuer Kühlergrill und viereckige Scheinwerfer.
1980 Modell „Charleston“.
1981 Scheibenbremsen vorn.
1982 Der 2CV bekommt eine Verbundglas-Windschutzscheibe.
1989 Im Stammwerk Levallois endet die 2CV-Produktion.
1990 Der endgültig letzte 2CV rollt in Mangualde, Portugal, vom Band.

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Tapferer, vibrationsfreier Boxermotor mit 29 PS im 2CV 6.

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