Somms Memo: Zürich ist eine der linksten Städte der Schweiz. Warum?

image 17. Mai 2022, 10:00
Zürich im 18. Jahrhundert.
Zürich im 18. Jahrhundert.
Die Fakten: Die Stadt Zürich hat als einzige Gemeinde im Kanton Zürich die Elternzeit und das Stimmrechtsalter 16 angenommen.

Warum das wichtig ist: Zürich, Zentrum des schweizerischen Kapitalismus, ist heute eine der linksten Städte des Landes. Das kommt nicht gut.

Vielleicht muss man bis ins 18. Jahrhundert zurückblicken, um einen so eklatanten Gegensatz zwischen Stadt und Land im Kanton Zürich zu erkennen wie heute.
Damals herrschte im Kanton das Ancien Régime, was so aussah:
  • In der Stadt Zürich lebten die Hochqualifizierten, gut Bezahlten, kulturell Fortschrittlichen, die sich für etwas Besseres hielten und im Staat schalteten und walteten, als ob er ihnen selbst gehörte. Oft lebten sie von den vielen Ämtern, die er ihnen bot
  • Auf dem Land wohnten die Untertanen, die nach der Pfeife der Städter tanzen mussten. Meistens gehorchten sie, manchmal gab es einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde, dann murrten sie wieder. Natürlich verdienten sie auch weniger, und wenn sie in die Stadt kamen, wunderten sie sich über die neuen Moden der Urbanität

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt, aber unvermeidlich.
Gewiss, das Ancien Régime war nicht demokratisch, was der Kanton Zürich heute erwiesenermassen ist.
Und dennoch sticht die kulturelle, soziale und politische Polarisierung zwischen der Stadt Zürich und dem Rest des Kantons ins Auge.
Selten war das deutlicher zu beobachten als am letzten Sonntag, als es darum ging, über zwei ausgesprochen linke Anliegen abzustimmen:
  • Sämtliche Gemeinden des Kantons, einschliesslich Winterthur, Uster oder Bülach, lehnten die Elternzeit-Initiative und das Stimmrechtsalter 16 ab
  • Allein die Stadt Zürich nahm beides an
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Zuweilen erscheint der Unterschied weniger ausgeprägt, und insbesondere die übrigen Städte und grossen Agglomerationsgemeinden stimmen gleich wie die Stadt Zürich. Und doch bleibt wahr, was alle, die ab und zu nach Zürich kommen oder hier arbeiten, auch anekdotisch feststellen:
  • Zürich stellt heute eine der linksten Städte des Landes dar. Oft stimmt ihre Bevölkerung genauso links wie Genf oder Basel-Stadt, zwei Orten, die schon lange als rot-grüne Festungen bekannt sind
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Woran liegt das? Wer links steht, würde natürlich entgegnen,
  • Zürich ist gar nicht so links
  • Und wenn ja, dann hat die Linke halt die besseren Argumente und Lösungen im Angebot

Womit der linke Städter nur bestätigte, was im Ancien Régime nicht anders war: Dass er sich auch für etwas Besseres, da intelligenter hält.
Wenn wir uns allerdings daran erinnern, dass Zürich noch bis Anfang der 1990er Jahre mehrheitlich bürgerlich wählte, dann kann etwas nicht stimmen, es sei denn, wir nähmen an, die Zürcher seien zu jener Zeit insgesamt dümmer gewesen.
Und vielleicht trifft das ja zu – sofern wir den formalen Bildungsstand der städtischen Bevölkerung betrachten. Noch nie haben so viele Akademiker in Zürich gelebt, es wimmelt von Doktoren, Mastern, Bachelors und sonst wie Diplomierten.
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Selbstverständlich glaube ich nicht, dass ein Akademiker wirklich intelligenter ist als jemand, der eine Berufslehre gewählt hat – er ist nur formal besser ausgebildet, sein Bildungstitel klingelt und rasselt mehr, nichts weiter, besonders wenn es um Politik geht.
Inzwischen hat mehr als die Hälfte aller Menschen, die in Zürich wohnen, einen Abschluss der sogenannten Tertiärstufe erworben, das heisst, sie haben erfolgreich an einer Universität, der ETH sowie einer Fachhochschule studiert oder höhere Fachprüfungen bzw. Berufsprüfungen abgelegt.
Maturanden dagegen oder Leute, die eine Berufslehre hinter sich haben, gelten als Absolventen der Sekundarstufe. Wer nur die obligatorische Schule besucht hat, wird als Abgänger der Primarstufe vermerkt.
Es handelt sich um einen bemerkenswerten Befund. Dahinter steckt eine Revolution, eine Bildungsrevolution:
  • 2020 hatten 56,5 Prozent aller Zürcher einen Abschluss der Tertiärstufe vorzuweisen
  • 1970 waren es nur 9,7 Prozent
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Auf dem Papier mag das eine erfreuliche Entwicklung sein, höher qualifizierte Menschen schaffen auch mehr Wohlstand, so jedenfalls glaubte man das lange Zeit, und ich will hier nicht weiter auf Glanz und Elend der Akademisierung eintreten.
Was aber feststeht: Dieser soziale Wandel hat politische Konsequenzen. Aus liberaler Sicht sind sie weniger erfreulich:
  • Akademisch gebildete Leute neigen heute dazu, linke Parteien zu wählen. Was daran liegt, dass sie eher an die Planbarkeit der Gesellschaft glauben, während sie der unsichtbaren Hand des Marktes misstrauen
  • Die zunehmende Akademisierung bedeutet nicht unbedingt, dass wir mehr Ingenieure, Informatiker oder Naturwissenschaftler bekommen haben – also Berufsgruppen, die Innovationen auslösen, die die Produktivität steigern und damit das Wirtschaftswachstum verstärken
  • Vielmehr haben wir auch sehr viele Juristen, Psychologen, Historiker oder Ethnologen und Soziologen ausgebildet: Leute, die oft und gerne für den Staat tätig werden und diesen somit ausdehnen. Das wiederum treibt sie in der Regel linken Parteien zu, die den Staat mehr schätzen als die Privatwirtschaft

So gesehen, ist meine Botschaft für Bürgerliche bitter. Solange Zürich immer mehr Akademiker anzieht, während die einfachen Leute aufs Land vertrieben werden, solange werden linke Parteien und ihre im Kern sozialistischen Ideen hier Urstände feiern.
«Sozialismus ist die Philosophie des Scheiterns, das Glaubensbekenntnis der Unwissenheit und das Evangelium des Neids.»
Das schrieb Winston Churchill. Auch ein Abgänger der Tertiärstufe.

Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag Markus Somm


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